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Oratorienchor Letmathe
21.11.2011
IKZ

An Schönheit kaum zu übertreffen

  Minutenlanger Beifall im Stehen für den Letmather Oratorienchor nach
Paul McCartneys Oratorium "Ecce Cor Meum"
Letmathe
von Ralf Tiemann
Tosender Applaus und minutenlange Begeisterungsstürme wurden am Sonntagabend dem Oratorienchor Letmathe zu Teil, der mit Paul McCartneys Oratorium „Ecce Cor Meum“ einmal mehr ein sehr außergewöhnliches
An Schönheit kaum zu übertreffen
Der Letmather Oratorienchor mit dem Knabenchor der Chorakademie Dortmund. Foto: Wronski
 

Werk auf das Programm gesetzt hatte.Schon im Vorfeld war das Interesse an diesem Werk riesengroß, erstmals musste der Chor schon Wochen vor dem Termin einen restlos ausverkauften Kilians-Dom vermelden. Und das große Publikumsinteresse wurde nicht enttäuscht: Unter der Leitung von Paul Breidenstein und zusammen mit dem Knabenchor der Chorakademie Dortmund und der Philharmonie Südwestfalen sowie der Sopranistin Susanna Risch und Tobias Aehlig an der Orgel boten die 82 Sängerinnen und Sänger ein Oratorium, das man in dieser Form zuvor noch nicht gehört hatte.

Das lag natürlich am Komponisten, denn Paul McCartney als Autodidakt aus der Popmusik geht ein solches Werk natürlich ganz anders an, als andere, klassisch ausgebildete Komponisten. McCartney macht natürlich auch in einem solchen Großwerk in klassischer Besetzung das, was er kann und worin er unschlagbar ist. Und was offensichtlich inzwischen auch den Hörgewohnheiten des Publikum sehr entgegen kommt. Er verarbeitet und entwickelt keine Themen, sondern er arbeitet wie in seinen Songs mit Melodien, die an Schönheit kaum zu übertreffen sind und die einen hohen Wiedererkennungswert haben. Und er denkt auch in der Orchestrierung als Musiker, der keine Noten am Schreibtisch schreibt, sondern sein Leben lang in Tonstudios verbracht hat, in Klängen, in Sounds – natürlich mit einem sicheren Gespür für starke Wirkungen. Ein Knabenchor, der sich mit Brillanz und Strahlkraft an den zentralen Stellen über das Geschehen legt und alles in den Schatten stellt, eine Orgel, die in den dramatischen Passagen im vollen Werk wuchtig und wild dazwischenfährt, dann wieder ein zartes Streichquartett als Begleitung und immer wieder helle Trompeten oder Sopran-Vokalisen, die sich aus dem Gesamtklang herauslösen.

Darüber hinaus hat McCartney überhaupt keine Scheu, Dinge zu tun, die unter „richtigen“ Komponisten ein wenig verpönt sind. Schöne Stellen fährt er gnadenlos aus und wiederholt sie wie in den Refrain eines Popsongs einfach mehrmals – warum auch nicht? Und ab und zu legt er wie im Outro von „Hey Jude“ einfach eine Endlosschleife im Chor mit einem immer wiederkehrenden Gesangs-Riff, über das die Sopranistin dann soliert. Vieles an dem Werk ist für den klassischen Rahmen ungewöhnlich und wirkt im Vergleich zu zeitgenössischen Komponisten vielleicht sogar ein wenig naiv. Die Wirkung war aber über weite Strecken umwerfend und vieles war auch sehr überzeugend und mehr als einfach nur schön.

Wirklich naiv ist hingegen der Text, in dem das Wort „Gott“ kein einziges mal vorkommt, indem aber stattdessen ein irgendwie indifferenter, kindlicher Glaube an das Gute zum Ausdruck kommt. Die schönen Dinge – Musik, Liebe, Natur – führt McCartney hier als Ausdruck der Zuversicht und Antwort auf Zweifel an. und in diesen Dingen werde auch sein Herz sichtbar: Ecce Cor Meum (Siehe mein Herz).

Aber das tat letztlich nichts zur Sache. „Was immer ich auch tue, man kann mich darin erkennen, ob es mir gefällt oder nicht. Es ist ein sehr mystischer Prozess.“, schreibt Paul McCartney in einem Begleittext zum Oratorium. Und damit hat er wohl recht. Er ist nach wie vor der erfolgreichste Pop-Musiker aller Zeiten. Er hat nicht nur zig Top-Hits geschrieben, die wirklich jeder mitpfeifen kann. Er hat mit den Beatles auch Alben aufgenommen, die die Rockmusik als Kunstform etabliert haben und die als Gipfelpunkte des Pop wahrscheinlich nie mehr erreicht werden. Und all das wird irgendwie auch in diesem Oratorium erkennbar, in dem er als Komponist neue Wege geht, der Popmusik unzweifelhaft treu bleibt. Der Oratorienchor hat seinem Publikum mit dieser Aufführung jedenfalls erneut etwas ganz Besonderes und sehr Mutiges geboten und zusammen mit den anderen Ausführenden eine großartige Leistung geboten, die die Begeisterungsstürme am Ende voll verdient hatte. Da das komplette Programm zusammen mit dem „Te Deum“ von Verdi sowie einem Sanctus vom Knabenchor allein verhältnismäßig kurz war, wurde der große Jubel sogar mit einer Zugabe belohnt.


23.11.2010
IKZ

Der geballte Schmerz von 13 meisterhaften Komponisten

  Oratorienchor bot mit der "Messa per Rossini" erneut ein überwältigendes Konzerterlebnis
Letmathe
von Ralf Tiemann
Überwältigt? Berauscht? Beseelt? Beflügelt? Oder auf Neudeutsch "geplättet"? Das treffende Wort für die Gemütslage nach einem solchen Konzert zu finden ist nicht ganz so einfach.

Foto: Oratorienchor Letmathe
 

Fest steht aber, dass der Oratorienchor am Sonntag sein Publikum einmal mehr anders in die Nacht entlassen hat, als es zuvor gekommen war. Denn ganz gleich, was die Zuhörer vorher so an Alltagssorgen umgetrieben haben mag: Nach einem solchen klanglichen Rausch, den der Chor bei der "Messa per Rossini" im vollbesetzten Kilians-Dom entfaltet hat, sah die Welt auf jeden Fall wieder ganz anders aus.
Und das auch, weil der Chor unter Leitung von Paul Breidenstein gerade mit solchen italienischen Oratorien Werke angeht, die in dieser Kirche und in dieser Besetzung mit den kraftvollen Bochumer Symphonikern an der Seite über den rein musikalischen Genuss hinausgehen. Es ist ein fesselndes und zutiefst körperliches Erlebnis, das dem Publikum da zwischen dröhnenden Posaunen, knallenden Pauken und einem 80-stimmigen Chor beschert wird, dem sich niemand entziehen kann und das am Ende erneut alle von den Kirchenbänken riss und zu einem minutenlangen Jubel veranlasste. "Inferno in der Magengrube" hatte die Heimatzeitung vor drei Jahren getitelt, als der Oratorienchor Verdis bombastische "Messa da Requiem" aufgeführt hatte. Und es war am Sonntag schnell klar, dass diese Reise mit der lange verschollenen "Messa per Rossini" eine ähnliche Richtung gehen würde.
Was nicht sehr verwunderlich war, schließlich war Verdi auch an dieser Totenmesse für Giacomo Rossini, der von der Komponistengeneration um Verdi nahezu wie ein Gott verehrt wurde, maßgeblich beteiligt. Den Schlusssatz "Libera me", den Verdi zu diesem Gemeinschaftswerk von 13 italienischen Komponisten beigesteuert hat, hat er sogar in leicht abgewandelter Form für seine "Messa da Requiem" wiederverwertet. Denn nachdem die für den ersten Jahrestag von Rossinis Tod angesetzte Aufführung nicht zustande kam, drohte das Werk in der Versenkung zu verschwinden, was es dann ja auch für mehr als 100 Jahre tat.
Im Programmheft zu der Aufführung des Oratorienchores war zu lesen, dass Verdi zu viel Herzblut in dieses "Libera me" gesteckt habe, um es in Vergessenheit geraten zu lassen. Nach der Aufführung muss festgestellt werden, dass das mit dem Hedrzblut ausnahmslos für alle 13 Komponisten gilt. Alle 13 erscheinen ihre ganze Meisterschaft für dieses prominente Projekt zu Ehren ihres künstlerischen Vaters und ihren ganzen Schmerz über seinen Tod in die Waagschale geworfen und auch sämtliche Register ihrer dramatischen Möglichkeiten als Opernkomponist gezogen zu haben.
Raimondo Boucheron (die anderen zwölf Komponisten sind dem Laien heute alle kein Begriff mehr) beispielsweise hat sein "Confutatis" mit hochdramatischen Posaunen-Fanfaren eröffnet, die an das Jüngste Gericht erinnern. Darauf folgt ein sanftes Zwiegespräch zwischen Bass und Chor, worauf ein schlichtes Streichquartett übernimmt, bevor der Bass zu einer herzzerreißenden Arie ansetzt. Den Schluss gestaltet schließlich der Chor - im triumphalen Fortissimo mit erschütternden "Confutatis"-Rufen untermalt von Becken und Pauken.
Das ist genug Stoff, um ein eigenes Requiem zu füllen; im Rahmen der "Messa per Rossini" wurde er aber auf wenige Minuten komprimiert verarbeitet. Und da mit wenigen Ausnahmen alle Komponisten so zu Werke gingen, war dieser Konzertabend überaus reich an originellen Einfällen und höchster Dramatik.
Und größten Schwierigkeiten für den Chor: Von fast hingehauchten, rhythmischen Sprechgesängen bis zu kunstvoll entwickelten Fugen und vom sanft wogenden A-Capella-Männerchor bis zu den immer wieder herausbrechenden überwältigenden Chören in vollen Lautstärke zeigten die Sängerinnen und Sänger wieder alle Seiten ihrer klanglichen Klasse. Dazu sorgten die fünf internationalen Solisten Birgit Harnisch (Sopran), Satik Tumyan (Alt), Jason Papowitz (Tenor), Frank Dolphin Wong (Bariton) und Hayk Déinyan (Bass) für Begeisterung, in dem sie solistisch oder in unterschiedlichen Besetzungen - unter anderem auch mit einem selten zu hörenden Männer-Terzett - besondere Glanzlichter setzten.


09.11.2009
IKZ

"Die Glocke" ließ Dom und Publikum erbeben

  Letmather Oratorienchor bescherte erneut echte Glücksgefühle
Letmathe
von Ralf Tiemann
20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre Bundesrepublik, 250 Jahre Schiller - es gab gleich mehrere Anlässe, um Schillers „Lied von der Glocke” als Loblied auf das Bürgertum aufzuführen, und es hätten durchaus noch ein paar mehr sein können.
Oratorienchor beim Konzert "Das Lied von der Glocke" von Max Bruch am 08.11.2009 in St. Kilian
Foto: IKZ
 

Denn was der Letmather Oratorienchor am Sonntag seinem Publikum in der vollbesetzten Kilianskirche mit der selten zu hörenden Vertonung von Max Bruch an erhebenden Gefühlen, triumphalen Klängen und wohligen Schauern über den Rücken gejagt hat, hätte auf jeden Fall für mehrere Festtage gereicht.

Natürlich hatte das rund zweistündige Werk für Chor, Orchester, Orgel und vier Solisten musikalisch mit wunderbaren Arien und facettenreichen Chorpassagen weit mehr zu bieten. Die finalen Glücksmomente, in denen alle Sänger - ob im Solistenquartett oder im Chor - am Limit agierten und minutenlang im vollen Fortissimo alles gaben und sich gegen die Philharmonie Südwestfalen und Gebhard Reichmann an der Orgel im Tutti durchsetzten, werden aber allen als spürbares Beben am stärksten in Erinnerung bleiben. Der Oratorienchor hat hier erneut eine Sternstunde geboten, die das Publikum körperlich mitnahm und wohl jedem bei den nicht enden wollenden und sich immer bombastischer auftürmenden Schlusschören ein fassungsloses und beglücktes Lachen auf die Lippen gezaubert hat.

Wie müssen sich da erst die Ausführenden gefühlt haben? Was den Dirigenten Paul Breidenstein angeht, konnte man von hinten nur sehen, dass er in der Mitte des Geschehens stehend alle Beteiligten mit übergroßen Bewegungen, die per Monitor zur Orgel übertragen wurden, sicher und sauber durch diesen akustischen Wirbelsturm führte. Von vorne hätte man sehen können, dass er über das ganze Gesicht lachte. So beschrieb er gestern jedenfalls sein Glücksgefühl während der Aufführung. Einen „Flash” nach dem anderen habe er am Ende gehabt, beim Einsatz der Orgel habe vorne alles vibriert, in einen Chor voller beglückter Gesichter habe er geblickt und es sei ein Hochgefühl gewesen, das ihn überwältigt, mit dem er in dieser Form aber gar nicht gerechnet hatte. „Ich war beeindruckt, wie dieses Werk in den letzten Wochen noch an Eindruckskraft gewonnen hat”, erklärte er am Montag die Entwicklung der „Glocke”, mit der niemand im Oratorienchor vorher Erfahrungen hatte. „Wir hatten geahnt, dass es gut werden kann. Dass es aber ein solches Erlebnis wird, war nicht abzusehen.” Wurde es aber. Und als nach dem Schlussakkord die Glocken des Kiliansdoms eine nach der anderen zu läuten begannen (was sie zuvor schon einmal allerdings irrtümlich taten), erhob sich das komplette Publikum von den Sitzen und feierte den Chor für dieses außergewöhnliche Konzert.

 


30.12.2008
IKZ
"Glanz und Gloria" in der Kilianskirche
Letmather Oratorienchor präsentierte grandioses Konzert
Letmathe
von Hubert Schmalor
Ein großartiges nachträgliches Weihnachtsgeschenk bereitete der „Oratorienchor Letmathe” allen Besuchern am Sonntagnachmittag in der vollbesetzten Kirche St. Kilian.
Der Oratorienchor Letmathe mit den Bochumer Symphonikern beim  Konzert am 28.12.2008 in St. Kilian, Iserlohn-Letmathe.
Foto: IKZ
 

Zusammen mit den „Bochumer Symphonikern” und der „Choralschola St.Vincenz” wurde ein weiterer Glanzpunkt in der Aufführungsgeschichte des von Paul Breidenstein geleiteten Chores gesetzt. Obwohl die Idee der Programmgestaltung, verschiedene Versionen des „Gloria” als roten Faden für ein weihnachtliches Konzert zu verwenden, etwas jenseits des Mainstreams der gängigen Weihnachtskonzertpraxis liegt, lässt sie aber gerade deswegen aufhorchen.

Was liegt eigentlich zu Weihnachten näher, als den Lobpreis des „Gloria”, der den Gesang der Engel bei der Verkündigung der Geburt des Messias auf dem Hirtenfeld von Bethlehem aufnimmt, als Ausgangspunkt für einen spannenden und überaus beeindruckenden Ausflug in die Musikgeschichte zu nehmen?

Begrüßt und eingestimmt wurden die zahlreichen Zuhörer mit einem ostkirchlichen Hymnus, abwechselnd und gemeinsam intoniert von der auf der Orgelempore postierten Choralschola St.Vincenz, Menden, und dem Oratorienchor im Chorraum. Ebenfalls aus der Frühzeit der Kirchenmusik entstammend folgte darauf das von der Choralschola unter der Leitung von Christian Rose vorgetragene Gloria aus der dritten gregorianischen Choralmesse „Lux et origo”. Von der für solche Zwecke hervorragend geeigneten Kirchenakustik wunderschön getragen und dezent aber eindrucksvoll von der eingesetzten Beleuchtungstechnik unterstützt, entstand durch die auf der Einstimmigkeit archaischer Melodik und freier Rhythmen basierende Gregorianik eine sehr dichte, meditativ-besinnliche, fast könnte man sagen „weihnachtliche”, Atmosphäre.

Diese Besinnlichkeit konnte (und sollte) jedoch nicht lange Bestand haben. Denn mit der „Messa di Gloria”, einem Frühwerk des eher durch „große Oper” bekannten Giacomo Puccini, stand urplötzlich ein Klanggemälde im Kirchraum, das vom samtweichen Pianissimo bis zur emotionalen Klangexplosion alles aufbot, was man von einem romantischen Großwerk erwarten darf.

Dabei absolut professionell mit einer makellosen Gesamtleistung die „Bochumer Symphoniker” in großer Besetzung. An diesem Abend natürlich unter der gewohnt sicheren und präzisen Leitung von Paul Breidenstein, der jedoch auch „seinen” Chor auf diese Aufgabe exzellent vorbereitet hatte und ihn zusammen mit dem Orchester zu einer höchst bemerkenswerten Gesamtleistung anspornte: Im ersten Satz, dem Kyrie, stimmlich warm im Gesamtklang, ausgewogen im Verhältnis der Stimmen zueinander, im Gloria und Credo trotz aller Klangfülle und der oft rasant wechselnden dynamischen Entwicklungen immer klar strukturiert, sauber intonierend und auch bei den sich oft wiederholenden komplexen fugenhaften Einsätzen des „Cum Sancto Spiritu” sehr transparent und verständlich.

Anerkennung auch für die beiden Solisten des Abends, Ricardo Tamura, Tenor, und Hayk Déinyan, die über ihre überzeugend vorgetragenen Soli hinaus dann im eher unspektakulären aber harmonisch und melodisch wunderschönen Agnus sogar zum Duett zusammenfanden.

Stand die „Messa di Gloria”, die der Oratorienchor bereits in Iserlohns Partnerstadt Nyíregyháza aufführen konnte, zwar eindeutig im Mittelpunkt des Abends, so sollte mit John Rutters dreisätzigem „Gloria” nun jedoch erst der eigentliche Höhe- und Schlusspunkt folgen.

„So ein freudiger Lärm zum Lobe Gottes”: Besser könnte man diesen Teil des Abends nicht beschreiben als John Rutter über sein „Gloria” selbst geschrieben hat. Rutter, der die Freiheiten moderner Kompositionstechniken äußerst geschickt und variantenreich, jedoch immer auch allgemein verständlich einzusetzen weiß, sagt jedoch nichts darüber, dass dieser „Lärm” für die Blechbläser, das Schlagwerk und insbesondere die Sängerinnen und Sänger eine ungemein hohe musikalische Anforderungen stellt.

Hier stellte der Oratorienchor bei den ihnen von Rutter abverlangten rhythmischen Eskapaden, den immer wieder eingesetzten Stimmteilungen und den grenzwertigen Tonhöhen endgültig seine große Klasse unter Beweis. Dies wusste auch das Publikum mit stehenden Ovationen zu würdigen: Soviel „Glanz mit Gloria” hat man im „Kiliansdom” selten erlebt.


27.11.2007
IKZ
Inferno in der Magengrube

Mit Applaus im Stehen wurden der Oratorienchor, die Philharmonie Südwestfalen, die Solisten und der künstlerische Leiter Paul Breidenstein für die Aufführung von Verdis "Messa da Reqiuem" gefeiert.
Letmathe
von Ralf Tiemann
Einige zaghafte Töne von den Contrabässen, einige vorsichtige Harmonien der Streicher, ein vom Chor kaum hörbar hingehauchtes „Requiem” - Verdi tastet sich mit fragendem und flehendem Gestus in seine „Messa da Requiem”, die er 1874 für Chor, Orchester und vier Solisten geschrieben hat.
Das Pressefoto vom Konzert zeigt die 4 Solisten
Foto: IKZ
 

Die zögernde Zurückhaltung, die die ersten Takte dieses Werkes kennzeichnet, ist jedoch trügerisch und dauert nur für kurze Zeit an. Denn schon im eröffnenden Introitus türmt Verdi die Klangmassen aufeinander und lässt sie über dem Publikum einstürzen wie meterhohe Wellen auf stürmischer See. Am Sonntag war es der Oratorienchor Letmathe unter Paul Breidenstein, der zusammen mit der Philharmonie Südwestfalen und den Solisten Birgit Harnisch (Sopran), Antje Gnida (Mezzosopran), Christopher Lincoln (Tenor) und Hayk Déinyan (Bass) dieses monströse Werk im Kilians-Dom aufführte.

Anders als die barocken Großwerke für Chor und Orchester oder die monumentalen Oratorien der deutschen Romantik, die den Zuhörer über Kopf und Geist ergreifen, lässt der große italienische Opern-Komponist Verdi den Todesschmerz in seinem Requiem mit donnernden Pauken, einem dröhnenden Fanfaren-Ensemble auf der Orgel-Empore, peitschenden Geigen und einem im vollsten Fortissimo agierenden Chor direkt in die Magengrube fahren. Gerade in der ausladenden Sequenz haben die Ausführenden am Sonntag ein Volumen und eine Wucht entfaltet, die das Konzert zu einem wirklich körperlichen Erlebnis machten. Man kam sich wirklich vor wie in eine tosenden Schlacht, in einem Wirbelsturm oder eben wie im jüngsten Gericht.

„Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richte kommt” oder „Schauernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben” lauten unter anderem die vertonten Textstellen, von dem „Tag der Zorns”, dem „König schrecklicher Gewalten”, von Sünde, Hölle und Rache ist dort die Rede - und genau so klingt es dann auch. Mittendrin Paul Breidenstein, der Orchester und Chor in der Manier eines Galeeren-Taktgebers durch das immer wiederkehrende „Dies irae” hämmerte und gerade den Oratorienchor in diesem klanglichen Inferno zur Höchstleistung trieb.

In der Folge hatte dann in dem strahlenden, fast frohlockenden Sanctus und den sehr melodiös getragenen Agnus Dei und Communio nicht nur der Chor Gelegenheit, auch andere Seiten seiner klanglichen Vielfalt zu zeigen. Vor allem beherrschten auch die Solisten über weite Strecken das Geschehen, bestachen durch wunderbare Quartette, Terzette und Duette und ließen ihre ganze strahlende Kraft spielen.

Nachdem im abschließenden Responsorium nochmals der ungehemmte Zorn Gottes durch die Kirche getost war, endete das Werk mit der Bitte „Libera me” (Erlöse mich) genauso flehend und zagend wie der Introitus begann. Bevor dann nach einer kurzen Atempause ein weiterer Sturm losbrach: Mit donnerndem und langanhaltendem Applaus hatte sich das Publikum in der sehr gut gefüllten Kirche von den Bänken erhoben, um die Sänger und Musiker für dieses Erlebnis zu feiern.


 
28.11.2006
IKZ
Von weltlichen Freuden zum ewigen Lenz

Der Oratorienchor führte am Totensonntag Haydns "Jahreszeiten" im Kilians-Dom auf und erntete grenzenlosen Jubel
Letmathe
von Ralf Tiemann
Sprießende Knospen im Frühling, drückende Hitze im Sommer, eine wilde Jagd auf den Hirsch im Herbst und bäuerliche Gemütlichkeit vor dem prasselnden Kamin im Winter. "Die Jahreszeiten" von Joseph Haydn sind dem Weltlichen tatsächlich nicht abgeneigt. Mit großer kompositiorischer Kunst und enormer Vielfalt in Ausdruck und Stil singt Haydn hier am Ende seiner Karriere und als unumstritten bedeutendster Komponist seiner Zeit ein eindrucksvolles Loblied auf die Natur und das einfache Leben der Landleute im Wechsel der Jahreszeiten.
Kulisse mit großen Chor und Orchester
So imposant wie die Kulisse mit großem Chor und Orchester war am Sonntag auch der Klang im vollbesetzten Kilians-Dom. Foto: May

 

 

Und doch war dieses weltliche Oratorium, das am Sonntag vom Oratorienchor im Kilians-Dom aufgeführt wurde, sowohl in der Kirche als auch am Totensonntag genau am richtigen Platz. Denn aus den mächtigen Hymnen auf die erwachende Natur, die majestätische Sonne oder den Fleiß der Landarbeiter wird am Ende ein ebenso mächtiger Abgesang auf die Vergänglichkeit des Lebens. "Der Erde Bild ist nun ein Grab" heißt es da, und bezogen auf den Lebenslauf des Menschen: "Verblühet ist dein kurzer Lenz, erschöpfet deines Sommers Kraft, schon welkt dein Herbst dem Alter zu, schon naht der bleiche Winter sich und zeiget dir das offne Grab."

Hier schlägt Haydn am Ende dieses gewaltigen Werkes die Brücke zu Glaube und Gott, verweist auf das Leben nach dem Tod, wo "ein ew´ger Frühling herrscht" und schließt mit einem prachtvollen Finale wie in einem Gebet mit "Dann gehen wir ein in deines Reiches Herrlichkeit. Amen." Für die Besucher im vollbesetzten Kilians-Dom hätte es wohl kaum ein erhebenderes Konzert zum Totensonntag geben können. Minutenlang bedankten sie sich mit donnerndem Applaus und stehenden Ovationen bei den Sängern und Musikern für dieses eindrucksvolle Erlebnis.

Und das zu Recht, denn die Ausführenden boten eine rundum blendende, überaus konzentrierte und niemals ermüdende Leistung, was bei einem solchen Mammut-Werk von mehr als zwei Stunden Dauer alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Die ungeheure Vitalität der Musik und der Abwechslungsreichtum, mit dem Haydn auch kleine Details wie beispielsweise die immer schneller werdende Jagd der Hunde oder die Orientierungslosigkeit eines umherirrenden Wanderers schildert, tragen dazu natürlich bei. Doch die interpretatorischen Anforderungen, um die Spannung über eine solche Dauer zu halten und die musikalischen Vorgaben umzusetzen, sind überhaupt nicht zu unterschätzen. Der Umstand, dass das Werk sowohl den rund 80 Sängerinnen und Sängern als auch den Profis vom Philharmonischen Orchester Hagen zuvor gänzlich unbekannt war, kam dem Dirigenten Paul Breidenstein da entgegen. Sein Oratorien-Chor präsentierte sich ohnehin in gewohnter Frische und Stimmgewalt und machte besonders die drei mächtigen Chor-Fugen zu einem klanglichen Ereignis. Doch auch die Hagener Musiker nahmen das vielschichtige und schwierige Werk nicht auf die leichte Schulter und waren konzentriert und hellwach bei der Sache. Breidenstein selbst führte die Aufführung sicher und bestimmt an und zeigte überdies souveräne Größe, als er nach anfänglichen Tempo-Schwierigkeiten in den ersten Takten einfach abbrach, um mit erhöhter Spannung nochmals zu starten. Zudem hatte er mit der Sopranistin Anneli Pfeiffer, Tenor Andreas Post sowie Bassist Dieter Goffing, der für den erkrankten Phillip Lanshaw kurzfristig einsprang und am Freitag erstmals einen Blick in die Partitur werfen konnte, glänzende Solisten an seiner Seite. Für die Chormitglieder hat sich die Probenarbeit des letzten Jahres gelohnt, und sie wurden mit einem für sie wohl unvergesslichen Erfolg belohnt.


22.11.2005
IKZ
Aufbrausend und mächtig
Oratorienchor begeisterte mit Mozart-Requiem
Letmathe
von Ralf Tiemann
Mit einem zornigen und strafenden Gott hat man es heute in der Kirche kaum noch zu tun. Wenn die Kirche am letzten Sonntag im Kirchenjahr den Totensonntag begeht, steht der Sieg über den Tod im Vordergrund.

Oratorienchor Letmathe mit Orchester in St. Kilian

Das Mozart-Requiem wurde ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Letmather Oratorienchores. Das Publikum bedankte sich am Ende bei den Solisten, den Sängerinnen und Sängern sowie beim Orchester mit donnerndem Applaus
Foto: Josef Wronski.

       
 

Und auch bei Trauerfeiern dominiert die tröstende Hoffnung auf Auferstehung. Am Ende des 18. Jahrhunderts sah das noch ganz anders aus, wofür es wohl kaum ein aussagekräftigeres Denkmal gibt als Mozarts Requiem, das der Letmather Oratorienchor zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Hagen und vier renommierten Gesangs-Solisten unter der Leitung von Paul Breidenstein am Sonntag im Kiliansdom in beeindruckender Weise aufgeführt hat.

Bemerkenswert ist dabei, dass Mozart selbst vier Jahre vor seinem Tod in einem Brief an seinen Vater den Tod als "besten Freund der Menschen" und "wahren Endzweck des Lebens" bezeichnet hat, dessen Bild "nichts Schreckendes mehr hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes."

In seinem Requiem, dessen Niederschrift er kurz vor seinem Tod begonnen und selbst nicht mehr vollendet hat, ist davon nichts mehr zu spüren. Mit stürmisch donnernden Chören und schluchzenden Streichern, mit flehenden Gesangssoli und düster drohender Orchestrierung, mit angsterfüllten Schreien und dunklen, furchterregenden Klangfarben vertont er hier eher ein brausendes Inferno als beruhigenden Trost.

Die rund 80 Sängerinnen und Sänger des Oratorienchores mussten -oftmals im vollen Fortissimo - alles geben, um dieses Wüten am Dies Irae (Tag des Zornes), wie der erste Satz der Sequentia betitelt ist, in seinem ganzen Ausmaß umzusetzen. Schrecken wechselt sich in der mächtigen Chorpartie mit Verzweiflung ab, wobei die hoffnungsvollen Töne tatsächlich nur ganz am Ende im Text der Communio versteckt sind.

Den versöhnlich stimmenden Satz "Das ewige Licht leuchte ihnen, Herr, bei deinen Heiligen in Ewigkeit, denn mild bist du" hat Mozart mit dem gleichen aufwühlenden und tosenden Fugato vertont, mit dem das Requiem im Kyrie anhebt.

Der Chor konnte in diesem Werk seine ganze Klangvielfalt entfalten. Den aufbrausenden Orchesterpart übertönend und angetrieben von dem wuchtigen Dirigat Paul Breidensteins machten die Sängerinnen und Sänger das etwa einstündige Werk zu einem Erlebnis, das wirklich unter die Haut ging und für das sie am Ende vom Publikum mit donnerndem Applaus belohnt wurden. Von den Solisten Lidija Horvard-Dunjko (Sopran), Antje Gnida (Alt), die kurzfristig für die erkrankte Dorothée Burkert eingesprungen ist, Prof. Berthold Schmid (Tenor) und Prof. Phillip Langshaw (Bass), die in dem Requiem zumeist im Quartett in Erscheinung traten, ist vor allem Lidija Horvard-Dunjko herauszuheben, die schon zuvor in Mendelssohns Psalm-Vertonung "Hör mein Bitten" die Hauptrolle spielte - ein Werk, das sich textlich und vom musikalischen Gestus her sehr gut in den Rahmen fügte.


19.01.2005
IKZ
Die Weihnachtszeit ist noch längst nicht vorbei
Gelungenes Konzert von Oratorienchor und Sinfonieorchester der Musikschule in der Kilianskirche / Auch Streichquartett überzeugte
Letmathe
von Ralf Tiemann
Dem Empfinden nach liegt Weihnachten ja schon wieder eine ganze Weile zurück. Was natürlich daran liegt, dass der Weihnachtsrummel Jahr für Jahr schon am Totensonntag beginnt. Ab Ende November werden die Weihnachtsmärkte eröffnet, allerorts erschallen Weihachtslieder und die Hausfassaden werden mit kletternden Weihnachtsmännern geschmückt.
Der Oratorienchor Letmathe, das Sinfonieorchester der Musikkschule Iserlohn und die Instrumentalsolisten begeisterten die Zuhörer in der vollbesetzten Kilianskirche mit einem außergewöhnlichen Weihnachtskonzert. Foto: Michael May
    Der Oratorienchor Letmathe, das Sinfonieorchester der Musikkschule Iserlohn und die Instrumentalsolisten begeisterten die Zuhörer in der vollbesetzten Kilianskirche mit einem außergewöhnlichen Weihnachtskonzert. Foto: Michael May
 

Und dann, wenn es endlich soweit ist und die eigentliche Weihnachtszeit erst so richtig losgeht, kann man all das kaum noch sehen. Weihnachtslieder, Lebkuchen und Tannenbäume sind für den Normalbenutzer der heutigen Zeit nach Silvester schon kein Thema mehr.
In den Kirchen ist das anders. Hier strahlen auch jetzt noch die Weihnachtsbäume, die Krippen sind noch aufgebaut und Weihnachtslieder sind auch Ende Januar nichts ungewöhnliches. Schließlich dauert die Weihnachtszeit bis Maria Lichtmeß am 2. Februar.
Der Oratorienchor hat sich entgegen der heutigen Schnelllebigkeit an diese traditionelle Festordnung gehalten und am Sonntag, als die ersten Kölner Prunksitzungen schon über den Bildschirm flimmerten, zu seinem großen Weihnachtskonzert eingeladen. Und siehe da: Die Kilianskirche war bis in die letzte Bank gefüllt, und alle sangen bei den im Programm abgedruckten Weihnachtsliedern kräftig mit.
Paul Breidenstein, Leiter des Oratorienchores, kann als Leiter der Iserlohner Musikschule zu einem solchen Anlass natürlich aus dem Vollen schöpfen. Seinen Chor ließ er von dem Sinfonieorchester der Musikschule aus Schülern und Lehrkräften begleiten - ein Orchester, das unter Breidensteins Leitung immer mehr an Qualität gewinnt, was vor allem in den Solobeiträgen des Klangkörpers hörbar wurde, etwa die klare und saubere Begleitung bei Mozarts Andante C-Dur für Flöte und Orchester.
Daneben gab Paul Breidenstein den Iserlohner Teilnehmern bei "Jugend musiziert" die Möglichkeit vor der beeindruckenden Kulisse des vollbesetzten Doms aufzutreten, bevor sie sich im Februar der Wettbewerbs-Jury stellen. Das Streichquartett aus Anna Neubert (Violine), Mirco Wessolly (Violione), Ricarda Kiehne (Viola) und Debby Bald (Cello), das Blechbläserquintett "Brass Five", die Soloflötistin Sandra Jellinek und das Violin-Duo Katharina Klusmann und Katharina Vogt sorgten so am Sonntag mit großartigem technischen Können und verblüffender musikalischer Reife für die Höhepunkte des Konzertes.
Den Großteil des Programms trug aber der Oratorienchor zusammen mit dem früheren Leiter Gebhard Reichmann an der Orgel bei. Beide hatten für das weihnachtliche Konzert Werke des Barock ausgewählt. Reichmann glänzte neben einem fulminanten Vorspiel zum Eröffnungslied "Wachet auf" und einer abschließenden Improvisation vor allem mit Händels Orgelkonzert F-Dur. Und der Chor sang fünf Choräle aus Bachs Weihnachtsoratorium sowie Werke von Michael Praetorius - dynamisch vorzüglich ausgestaltet. Als nächste Aufgabe hat sich der Oratorienchor Mozarts Requiem vorgenommen, das er am 20. November aufführen wird. Denn das ist der Tag an dem die evangelische Kirche Totensonntag feiert. Draußen werden dann auf den eröffneten Weihnachtsmärkten schon wieder Weihnachtslieder erklingen.


 
23.11.2004
IKZ
Die Facetten des menschlichen Leides
Grandioses Konzert des Oratorienchores, der Solisten und Bochumer Symphoniker in St. Kilian begeisterte die Zuhörer
Letmathe
von Ralf Tiemann
So unterschiedlich kann man in der Musik also das menschliche Leid ausdrücken. Dabei liegen die beiden Werke, die der Oratorienchor am Sonntag im vollbesetzten Kilian-Dom zur Aufführung brachte, zeitlich als auch räumlich gar nicht so weit auseinander.
Oratorienchor Letmathe in St. Kilian
    Das Konzert am vergangenen Sonntag in der Kilianskirche wurde zu einem weiteren Meilenstein in der Erfolgsgeschichte des Letmather Oratorienchores. Foto: Hans H. Schneider
 
Hier Johannes Brahms, der 1871 Friedrich Hölderlins "Hyperions Schicksalslied" vertonte und damit die Tiefe und den Ernst der deutschen Romantik vertritt - dort Gioacchino Rossini, der 30 Jahre früher in seinem "Stabat Mater" die Leiden der Gottesmutter Maria am Kreuz ihres Sohnes auf recht opern-italienische Art in Musik setzte.
Von Rossini erzählt man sich, dass er nur einmal in seinem Leben geweint hat, als ihm bei einer sonnigen Bootsfahrt eine Tüte mit Trüffeln über Bord gefallen ist. So in etwa klingt es dann auch, wenn er von den Qualen der Maria erzählt. In Italien scheint es sich eben einfacher leiden zu lassen als in Deutschland, wo Brahms und seine Zeitgenossen tief im eigenen Schmerz wühlen.
Das jedenfalls könnte man als Quintessenz aus dem fantastischen Konzert des Oratorienchores mit nach Hause nehmen.
Los ging es mit Brahms. Hölderlin hatte in seiner Textvorlage die himmlische Welt der Götter dem Leiden der Menschen auf Erden gegenübergestellt, und Brahms hat diese beiden Teile stark kontrastierend in Klang gesetzt - erst ein warmer, ruhig fließender und melodisch ansprechender Teil, auf den ein hoch dramatischer Ausbruch des Leidens im satten Forte folgt. Eine musikalische Vorgabe, deren scharf getrennte Ausdruckform und interpretatorischen Feinheit Paul Breidenstein mit seinem Chor glänzend herausarbeitete.
Hochkonzentriert und hellwach folgten die knapp 80 Letmather Sängerinnen und Sänger jedem Wink ihres Chorleiters und machten aus dem Schicksalslied eine wahre Sternstunde des Chorgesangs.
Begleitet wurden sie dabei von den Bochumer Symphonikern, die unter ihrem derzeitigen GMD Steven Sloane zu einem Topp-Orchester Deutschlands gereift sind und die bereits bei den diesjährigen Internationalen Musiktagen für Musik auf Einladung Breidensteins in Iserlohn spielten. Warm und einfühlsam unterlegten sie den ersten, himmlischen Teil, furios und aufbrausend trieben sie im zweiten irdischen Teil den Chor an.
Sie waren es auch, die ein zum himmlischen Anfang zurückkehrendes Nachspiel lieferten, mit dem Brahms seinem Werk ein sehr versöhnliches Ende gab.
Das war auch gut so, denn sonst wäre der Kontrast zu Rossini noch um Einiges größer gewesen. In dessen Stabat Mater bestimmten nun die vier erstklassigen und international besetzten Solisten des Abends, Eva Tenkanen (Sopran), Gisela Schubert (Alt), Scott MacAllister (Tenor) und Igor Gavrilov (Bass), das Geschehen. Unterlegt von den für die italienische Oper typischen tänzerischen Begleitfiguren entfalteten sie nun Rossinis opernhafte Theatralik, seine heldenhaften Arien und leicht beschwingten Quartette, die eher nach einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte als nach den Leiden der Maria klangen. Im direkten Vergleich zu Brahms erschien das geradezu lebensfroh.
Was dabei gesanglich geboten wurde, war dessen ungeachtet einfach umwerfend. Die Solisten hatten mit den opernhaften Koloraturen und virtuosen Höhepunkten ihrer Arien und Quartette Gelegenheit, die ganze Stimmgewalt ihres Belcanto auszuspielen. Und die Choristen hatten nach dem imposanten Eingangschor zwei besondere Aufgaben: Zum einen begleiteten sie überaus einfühlsam und ohne Orchester ein Bass-Solo, was man so nicht alle Tage hört, zum anderen lieferten sie bei dem abschließenden "Amen", ein atemberaubendes Spektakel, das an Wucht und Theatralik ebenfalls vieles überbietet, was die Oratorien-Literatur sonst zu bieten hat.
Es war ein sehr kurzweiliges und an hörenswerten Höhepunkten sehr reiches Konzert, das ungemein viel Spaß gemacht hat, und für das die Ausführenden, allen voran Paul Breidenstein mit seinem Oratorienchor, mit langanhaltendem, donnernden Applaus im Stehen belohnt wurden.

   
02.12.2003
IKZ
Über sich hinausgewachsen
  Jungendsymphonieorchester, Oratorienchor und Solisten begeisterten bei Konzert im Kiliansdom
Letmathe.(kör)
Zwei monumentale Werke, ein blutjunges Orchester, motivierte, hochkarätige Solisten und ein begeisterungsfähiges Publikum - die Geschichte der Konzerte in St. Kilian ist am Sonntag um ein nachhaltiges Kapitel fortgeschrieben worden.
Glückliche Menschen in St. Kilian
    Nicht nur Paul Breidenstein, der Konzertmeister Gernot Knoll, Monika Meier-Schmid und Dorothée Burkert (von rechts) sondern alle Mitwirkenden durften auf den donnernden Applaus mit Fug und Recht stolz sein. Foto: Köster
 

Das Märkische Jugendsymphonieorchester ist ein Phänomen. Sowohl die am Sonntag gespielte Orgel-Symphonie von Camille Saint-Saens als auch das "Te Deum" von Anton Bruckner konfrontieren die Instrumentalisten immer wieder mit technischen Höchstschwierigkeiten. Aber innerhalb des Orchesters wachsen die jungen Leute über sich hinaus, finden zu einer verblüffenden Sicherheit und Ausdrucksstärke, die über weite Passagen den Vergleich mit Profimusikern nicht zu scheuen braucht. Und wo dann doch vereinzelt Schwächen in der Intonation oder Rhythmik wahrnehmbar waren, macht beim Publikum das Gefühl, vorab Zeuge der musikalischen Zukunft sein, dieses Manko mehr als wett.
Zu einem akustischen Erlebnis in beiden Werken geriet die Kombination des Orchesters mit der Orgel von St. Kilian. Die Schwierigkeit der räumlichen Distanz der Orgel zum Orchester im Altarraum meisterte Christian Schmitt mit souveräner Präzision: Der Märkische Kultur-Stipendiat erwies sich auch unter nicht unproblematischen Bedingungen als Meisterorganist, der die ganze Klanggewalt des restaurierten Instrumentes offenbarte.
Nach einer kurzen Umbaupause - auf dem Dirigentenpult machte Hermann Bäumer Platz für Paul Breidenstein - erklang das Brucknersche "Te Deum", das der Oratorienchor vor einigen Jahren bereits mit dem Bamberger Symphonikern an gleicher Stätte aufgeführt hat. Allerdings war seinerzeit die Orgel stumm geblieben, so dass sich diesmal die Intention, die Frömmigkeit und Botschaft des Komponisten noch wirkungsvoller entfaltete. Unter den Solostimmen Monika Meier-Schmids (Sopran), Dorothée Burkerts (Alt) und Thilo Dahlmanns (Bass) verbreitete an diesem Abend der strahlende Tenor von Bertold Schmid besonderen Glanz.
Nach dem furiosen Finale des "Te Deum" brach in der vollbesetzten Kirche langanhaltender Beifall los - Ausdruck der Anerkennung für das großartige Konzert im Allgemeinen und die jungen Musikerinnen und Musiker im Besonderen.


 
08. 08.2003
IKZ
Oratorienchor beeindruckte zum dritten Mal auf Norderney
  Viel Beifall für die Uraufführung der Ton-Dichtung "Nordsee" von Ulrich Baum / Gemeinsame Aufführung mit den Warschauer Symphonikern im "Haus der Insel"
Letmathe.(rd)

Viel Beifall hat das Publikum auf der Insel Norderney dem Oratorienchor Letmathe und den Warschauer Symphonikern für die Uraufführung der Ton-Dichtung "Nordsee" von Ulrich Baum gespendet.


Wegen des hochsommerlichen Wetters am vergangenen Samstag war das "Haus der Insel" bei diesem Konzert nur halb gefüllt, was dem positiven Eindruck des zeitgenössischen Werkes des 1952 geborenen Komponisten sowie der Interpretation durch Orchester und Chor auf das Publikum keinen Abbruch tat.
Textgrundlage der Komposition für Tenor, Chor und Orchester ist ein Gedicht des Norderneyer Pädagogen Helmut Heckenroth aus dem Jahr 1946. In britischer Gefangenschaft hatte Heckenroth seine Sehnsucht in Verse gegossen. Diese Sehnsucht nach dem Klang des Meeres, der Unendlichkeit und der Macht der Wellen inspirierte Ulrich Baum die Stimmungen der Natur in Musik umzusetzen. Das Werk drückt aber nicht nur die Sehnsucht, sondern auch die "inneren Unwetter" des gefangenen Dichters aus.
Der Oratorienchor hatte seinen Part unter Leitung von Paul Breidenstein einstudiert, Dirigent der Aufführung am Samstag war Antoni Gref. Gesangsolist war Dominik Wortig, Mitglied des Ensembles des Stadttheater Hagen.
Für den Oratorienchor war das Gastspiel auf Norderney das dritte Engagement für die dortigen Sommerkonzerte. In den vergangenen Jahren hatten Werke von Beethoven und Mozart auf dem Programm gestanden.

 

© 2011 Oratorienchor Letmathe
letzte Änderung: 16.12.2011